Tessin 1997

Teile dieser Hüttenwanderung bin ich schon einmal gegangen, nachdem das Wetter im Wallis so schlecht war, dass wir in den warmen Süden ausweichen mussten. Schon damals war ich von dieser Landschaft begeistert und in diesem Jahr wollen Jörg und ich die Tour noch einmal in Angriff nehmen.

Mit dem Auto reisen wir am 21. Juli 1997 über Locarno durch das Maggiatal und das Bavonatal nach San Carlo an.


San Carlo 938m

Im Zickzack schlängelt sich der Weg an der linken Seite des tief eingeschnittenen Tales in die Höhe. Nach der Alpe Corte Grande auf 1.914m ist der anstrengenste Teil geschafft und über eine Schwemmebene schlendern wir zum idyllisch in herber Landschaft gelegenen Rifugio Piano delle Creste, einer ehemaligen Alphütte. Die Hütte ist normalerweise nur an Wochenenden bewirtschaftet. Heute haben wir Glück und erhalten ein Abendessen sowie Getränke.


Rifugio Piano delle Creste 2.108m, Übernachtung 15 SFR

Wir starten am nächsten Morgen um 7:12 Uhr und wandern auf markiertem Pfad südwärts erst zum unteren, dann zum oberen Laghetto d'Antabia auf 2.189m. Weiter geht es auf dem Rücken oberhalb des Westufers (Punkt 2.216m) gegen ein Geröllcouloir und durch dieses steil zur U-förmigen Bocchetta dei Laghi delle Crosa hinauf, die wir nach einer Stunde erreichen (ca. 2.500m, ohne Namen in der Karte, östlich von Punkt 2.507m).


Blick auf den Basodino 3.273m

Südwärts steigen wir über lockere Steine zu einem kleinen See auf 2.390m ab. Hier verlassen wir den markierten, zu den Laghi della Crosa führenden Pfad und gehen westwärts zu Punkt 2.453m. Dort beginnt die lange Traversierung in südlicher Richtung unterhalb des Pizzo Fiorera. Auf einem Schafsteig steigen wir hinab zum Passo Cazzola auf 2.411m und überschreiten dort die Grenze nach Italien.

 

Auf italienischer Seite leiten erst ein Felsgrat, dann Geröll- und Schneefelder rechts zum Pizzo Cazzola hinüber. Zuletzt kraxeln wir steil über manchmal wackelige Blöcke in die mit einem Steinmann markierte Lücke des Pizzo Cazzola Nordostgrates (ca. 2.710m, 150m nordöstlich des Hauptgipfels) - und schon befinden wir uns wieder in der Schweiz.



Bis auf ca. 2.600m vorsichtig absteigend und dann in südlicher Richtung traversierend erreichen wir unterhalb des Überganges Forcolaccia ein von Felsbändern gesäumtes kleines Tälchen, durch das wir bis auf 2.450 Meter absteigen, um rechterhand durch eine Rinne das Felsband zu überwinden. Schräg links über Rinnen und Blöcke wandern wir in eine couloirähnliche Mulde hinüber und durch diese hinauf in eine Lücke auf ca. 2.740m (westlich von Punkt 2.750m) im Ostgrat des Pizzo Biela (auch Wandfluhhorn genannt). Von hier aus sehen wir bereits unser Etappenziel, die Capanna Grossalp


Capanna Grossalp 1.907m, Übernachtung 18 SFR, Dusche

Die Capanna Grossalp liegt oberhalb von Bosco Gurin, dem einzigen Ort in der italienischsprachigen Schweiz, in dem ein deutscher Walserdialekt gesprochen wird. Die Einwohnerzahl ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. 1990 lebten noch ca. 60 Einwohner in Bosco Gurin, gut die Hälfte davon deutschsprachig.

Am nächsten Tag (23. Juli 1997) starten wir um 8:24 Uhr an der Capanna Grossalp und erreichen um 10:02 Uhr den Passo Quadrella auf 2.137m. Nach einer kurzen Pause steigen wir über die Alpe di Quadrella (1.791m) ab zu der kleinen Ansiedling Cimalmotto auf 1.405m. Von Cimalmotto wandern wir nach Pianelli. Dort biegt der Weg nach links ab zur Alpe di Sfii. Vor den ersten Hütten überquert man links den Bach Ri di Sfii über einen Holzsteg.

Auf schmalem Pfad wandern wir südwärts ansteigend zum wunderschön gelegenen Lago di Cavegna und zum Passo dell Cavegna auf 1.978. Wieder eröffnet sich ein neues Tal, diesmal das Valle di Vergeletto, ein Seitental des Valle Onsermone. Steil geht es bergab zur Alpe Porcaresc auf 1.796m, die ihrem Namen alle Ehre macht. Muntere Schweine begrüßen hier grunzend die müden Wanderer. Auf dem herrlichen, mit Steinplatten belegten Weg geht es an der rechten Talseite über Punkt 1.844 und eine kurze Steilstufe zur Capanna Arena.


Capanna Arena 1.689m

Wenige Minuten vor der Hütte durchweicht uns ein Gewitterschauer und völlig durchnässt hoffen wir auf ein warmes Feuer in der nicht bewirtschafteten Hütte. Wir werden enttäuscht. Zwei Gäste (Vater und Sohn) versuchen erfolglos im offenen Kamin ein Feuer zu entfachen. Nass wie wir sind gehen wir nach draußen, hacken Holz und kleine Spreisel. Wenige Minuten später knistert das Feuer im Kamin und bald stellt sich eine wohlige Wärme sein.





Die offene Selbstversorgerhütte bietet in diesem Jahr eine Überraschung: in der Küche stehen Getränke für die Wanderer zur Verfügung. Übernachtungs- und Getränkekosten müssen selbst berechnet werden. Den entsprechenden Betrag geben wir in einen Umschlag und werfen diesen in den Wandtresor.

Die Blasen an Jörgs Fuß führen am nächsten Tag zu der Entscheidung die Tour abzubrechen. Über die Alpe Piei Bachei 1.765m und vorbei am Abzweig zum Passo Busan erreichen wir über den Punkt 1.834m in knapp drei Stunden das kleine Dorf Spruga auf 1.113m.

Mit dem Bus geht es zurück über das Maggiatal nach Bignasco. Nach nochmaligem Umsteigen erreichen wir am Nachmittag unseren Ausgangspunkt San Carlo. Mit dem Auto fahren wir über Locarno in das wild romantische Verzascatal mit unzählinge Gumpen, Wasserfällen und eindrucksvollen Felsformationen. Wir übernachten im Hotel Posse in Lavertezzo (90 SFR/Nacht), direkt an der Verzasca gelegen. Ein Stückchen oberhalb befindet sich die bekannte Brücke Ponte dei Salti aus dem 17. Jahrhundert mit zwei eleganten Bögen.




Kartenmaterial: Kümmerly+Frey, Valle Magia e Valle Onsernone, Südschweiz, Tessin, 1:50000