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Hüttentour Rätikon

Ursprünglich war für dieses Jahr eine Hüttentour in den Sextener Dolomiten geplant. Diese Idee habe ich verworfen nachdem wir eine Einladung zu einer Hochzeit im Schwarzwald erhalten haben. Der Termin der Hochzeit fällt auf das Wochenende, an dem wir unseren Urlaub starten. Die Sextener Dolomiten sind vom Schwarzwald aus ungünstig zu erreichen. Für die gut 500 Kilometer sind sieben Stunden zu veranschlagen. Also musste ein anderes Ziel her und die Wahl fiel auf das Rätikon. Das Gebirge mit bekannten Namen wie Schesaplana, Drusenfluh, Drei Türme und Sulzfluh teilen sich die Länder Österreich und Schweiz. Aus dem Schwarzwald sind es nur 250 Kilometer, trotzdem werden wir fast vier Stunden für die Strecke benötigen.

Ich war noch nie im Rätikon und Kartenmaterial liegt mir nicht vor. Also erst einmal geeignete Karten beschaffen. Die Wahl fällt auf die Kompass Wanderkarte Vorarlberg (Nummer 292) im Maßstab 1:50.000. Sechs Tage wollen wir uns Zeit nehmen. Start und Ziel sollen identisch sein und auf öffentliche Verkehrsmittel und Bergbahnen wollen wir verzichten. Also brüte ich einige Stunden über der Karte und herauskommt die folgende Tour:


Quelle: Kompass Wanderkarte Vorarlberg (Nummer 292)

Kurze Übersicht:
  1. Start und Ziel ist ein kleiner Parkplatz (P3) in Brand (Brandnertal) kurz vor dem Parkplatz der Bergbahn
  2. Aufstieg von Brand zur Oberzalimhütte
  3. Von der Oberzalimhütte zur Schesaplanahütte
  4. Schesaplanahütte - Carschinahütte
  5. Carschinahütte - Tilisunahütte
  6. Tilisunahütte - Lindauer Hütte
  7. Lindauer Hütte - Totalphütte
  8. Totalphütte - Schesaplana - Totalphütte
  9. Totalphütte - Brand
  10. Entspannte Tour mit Golmer Seilbahn und Wanderung zum Kreuzjoch. Herrlicher Blick auf das Rätikon
Nach einem gemütlichen Frühstück auf der Terrasse des Hotels im Schwarzwald starten wir Richtung Brandnertal. Gemütlich geht es auf Landstraßen durch den Schwarzwald bis zur Autobahn A81, die uns zum Bodensee führt. Baustellen und Umleitungen auf den verkehrsreichen Straßen am Bodensee lassen uns nur mühsam vorankommen. Erst auf der A96 läuft es wieder. An der Grenze kaufe ich eine Vignette für die Autobahn in Österreich (10 Tage für 9 Euro). Für die Fahrt ins Brandnertal könnte man auch darauf verzichten, muss dann aber eine zusätzliche Stunde Fahrtzeit einplanen.

Kurz vor 14 Uhr erreichen wir bei herrlichem Sonnenschein den Parkplatz in Brand. Sehr positiv fällt uns auf, dass keine Parkgebühren erhoben werden (im Gegensatz zu Oberstdorf und anderen Gemeinden im Allgäu, die die Wanderer ordentlich abkassieren). Der Rucksack Inhalt wird noch einmal auf Vollständigkeit geprüft, die Wasserflaschen mit Mineralwasser gefüllt und die Hüttentour startet direkt am Parkplatz!

Zwei Stunden benötigen wir zur schön gelegenen Oberzalimhütte auf 1.889m.



Die ersten beiden Nächte hatte ich reserviert. Für den Rest der Woche wollte ich abhängig von Wetter und Alternativen zum geplanten Weg flexibel sein. Vor der Hütte genießen wir mit Blick auf die Schesaplana ein Radler bevor wir unser Zimmer (14 Euro pro Bett für AV Mitglieder) beziehen. Die beiden Stockbetten im Zimmer haben wir für uns alleine und die heiße Dusche ist sehr wohltuend und sogar kostenlos. Viele Hütten bieten inzwischen eine Dusche an, aber kostenfrei ist doch die große Ausnahme. Sehr lobenswert! Auf der Hütte ist sehr wenig los und wir lassen uns die Halbpension (25 Euro pro Person) zusammen mit einer Flasche Zweigelt schmecken.



Diese Hütte werden wir in sehr guter Erinnerung behalten. Ist dies der Maßstab für die nächsten vier Nächte?

Für Montag hat der Wetterbericht am Nachmittag Schauer und Gewitter vorhergesagt. Wir frühstücken so früh wie möglich und starten um 7:30 Uhr unsere Wanderung zur Schesaplanahütte in der Schweiz. 350 Höhenmeter Aufstieg zur Oberzalimscharte (2.237 m) stehen an, bevor es auf der anderen Seite sehr steil über den Spusagangsteig in Richtung Nenzinger Himmel geht. Hier ist absolute Trittsicherheit erforderlich! Am Hirschsee auf 1.677 m laden mehrere Holzbänke zu einer Rast ein, die wir gerne nutzen, um einen Schluck zu trinken. Es ist kurz vor 10 Uhr und die ersten Sonnenstrahlen erreichen den See. Nach der Rast steht der Anstieg zum Salarueljoch (2.246 m) bevor. Hier betreten wir erstmalig die Schweiz und der Blick nach Westen verheißt nichts Gutes. Dunkle Wolken ziehen auf, die gemeldete Wetterstörung kündigt sich an. Nach einer kurzen Rast steigen wir zur Schesaplanahütte auf 1.908 m ab, die wir in einer Stunde erreichen.



Noch bevor wir uns an einen Tisch im Freien setzen, fallen die ersten Regentropfen. Mit der Reservierung war ich zu spät. Betten stehen nicht mehr zur Verfügung. Die Matratzenlager und die Waschräume befinden sich im Nebengebäude - mit der Oberzalimhütte nicht zu vergleichen!

 

Während auf deutschen und österreichischen Alpenvereinshütten Halbpension zunehmend angeboten wird, ist es auf Schweizer Hütten Standard. Am Abend bekommen alle Gäste dasselbe Essen (mit Ausnahme von Vegetariern oder Allergikern). Üblicherweise wird die Rechnung am Abend bezahlt. Wichtig zu wissen: die Hütte akzeptiert auch Euro, der Umtausch von Schweizer Franken ist daher nicht zwingend erforderlich.


Sehr positiv: die kostenlose Handy Ladestation

Im Schlafraum im ersten Stock sind schräg gegenüber noch zwei Matratzen von einem Paar belegt. Das Schnarchen des Mannes wird in der Nacht nur sehr selten unterbrochen. Unser Schlaf war daher nicht so erholsam, wie wir uns das gewünscht hätten.

Für den nächsten Tag steht der Höhenweg zur Carschinahütte an. Sicherlich bei schönem Wetter ein sehr eindrucksvoller Weg. Leider hält sich das Wetter an den Wetterbericht. Zuerst ist es stark bewölkt, die Gipfel stecken in Wolken und wir sehen nichts. Nach zwei Stunden Gehzeit fängt es an zu regnen. Dieser Regen begleitet uns die nächsten beiden Stunden. Der früher verachtete Regenschirm bewährt sich aber sehr. Die Regenjacke bleibt im Rucksack und wir gehen im T-Shirt. Lediglich die Hose unterhalb der Knie und die Schuhe saugen sich langsam aber sicher mit Wasser voll.

Nach knapp vier Stunden sehen wir unser Tagesziel das erste Mal. Sieht nicht mehr weit aus, wir benötigen aber noch gut 45 Minuten zur Carschinahütte.



Obwohl wir unter der Woche unterwegs sind und wir nicht mit vollen Hütten rechnen, habe ich am Vorabend auf der Carschinahütte zwei Lagerplätze bestellt. Das war auch gut so, denn die Hütte füllt sich mehr und mehr. Auch hier wird nur Halbpension angeboten und wichtig zu wissen: es gibt keine Möglichkeit Mobiltelefone oder Smartphones aufzuladen.

Für Mittwoch sind die Wetteraussichten gut. Kurz vor dem Aufstehen jagt noch ein kalter Wind um die Hütte, der aber die Wolken vertreibt und der Sonne Stunde um Stunde mehr Raum lässt.


links von der Carschinahütte der Schafberg, rechts Drusenfluh und Drei Türme

Von der Carschinahütte könnten wir nach Norden über das Drusentor (2.343 m) die Lindauer Hütte in weniger als drei Stunden erreichen. Das ist uns zu wenig für einen Tag. Daher ist unser erstes Ziel für diesen Tag die Tilisunahütte auf 2.211 m. Auf dem Rätikon-Höhenweg Süd (Beschilderung vor Ort: Prättigauer Höhenweg) wandern wir südseitig der Sulzfluh entlang. Wer Klettersteigausrüstung dabei hat, kann über den Sulzfluh Klettersteig den gleichnamigen Gipfel mitnehmen. Wir steigen auf zum Tilisunafürkele auf 2.230 m und überqueren an dieser Stelle wieder die Grenze zu Österreich. Die Tilisunahütte ist nur noch wenige Gehminuten entfernt.



Es ist Feiertag (Maria Himmelfahrt) und vor der Hütte sind Altar, Sitzbänke und Blumenschmuck für eine Bergmesse vorbereitet. Wir finden um die Ecke einen herrlichen Sonnenplatz mit Blick auf den Tilisunasee und die dahinter liegende Bergwelt. Das Hopfenkaltgetränk schmeckt und wir genießen über drei Stunden die Hüttenatmosphäre bevor wir den letzten Streckenabschnitt in Angriff nehmen.


Frühschoppen mit Musikkapelle

Zuerst steht der Anstieg zur Schwarzen Scharte auf 2.339 m an. An der Scharte angekommen ist die Lindauer Hütte am Waldrand schon erkennbar.


Lindauer Hütte (im roten Kreis), in Wolken links die Drei Türme

Über 600 Höhenmeter müssen wir absteigen, bevor es im Wald leicht bergauf zur Hütte geht. Kurz vor der Hütte - die immerhin auf 1.744 m liegt - kommt uns ein Mann mit einer Eistüte entgegen und leckt genussvoll an den Eiskugeln. Gibt es auf dieser Höhe etwa eine Eisdiele?

Auch hier hatte ich am Vorabend zwei Schlafplätze reserviert, allerdings gibt es nur noch Platz in einem 40er Lager im Nebengebäude. OK, die Nacht geht auch herum. An der Lindauer Hütte angekommen melde ich uns an und frage, ob es eine Alternativ zu dem 40er Lager gibt. Wir haben Glück und in einem 8er Bettenlager erhalten wir zwei Betten. Das neue Schlafhaus ist erst ein Jahr alt und bietet sehr viel Holz mit tollen Sanitärräumen. In den Lagern stehen mehrere Steckdosen zum Laden von Smartphones und anderen Endgeräten zur Verfügung. Die Dusche (2 Euro Münze für 4 Minuten) ist sehr wohltuend und auf Voranmeldung ab vier Personen gibt es sogar eine Sauna. Was für ein Luxus.

Später werfen wir einen Blick in das 40er Matratzenlager. Ein Raum, auf jeder Seite 20 Matratzen in zwei Etagen. Was hatten wir ein Glück noch ein Bett im Neubau zu ergattern.

Um auf das Eis zurückzukommen: es gibt eine Eiskarte und der Beerentraum ist absolut empfehlenswert!


Blick von der Lindauer Hütte auf die Drei Türme am frühen Morgen

Wo sollen wir die letzte Nacht verbringen bevor wir wieder nach Brand absteigen? Die Douglas Hütte am nördlichen Ende des Lünersees wäre eine Option. Allerdings endet hier auch die Lünerseebahn und spuckt unzählige Touristen aus. Auch wenn die Hütte auf 1.980 m liegt erscheint sie uns nicht erstrebenswert. Alternative? Totalphütte. Das bedeutet aber nochmals 400 Höhenmeter Aufstieg ab Lünersee. Das Wetter ist phantastisch, wir haben noch genügend Zeit und damit fällt die Entscheidung auf die Totalphütte (2.381 m). Anruf auf der Hütte: wir sind schon gut belegt, aber im 14er Matratzenlager kommen wir unter.

Nach einer Rast an der Lünerseealpe schlendern wir am Lünersee entlang, um dann die 400 Höhenmeter in Angriff zu nehmen. Die nahe Seilbahn macht sich stark bemerkbar. Unzählige Tagestouristen sind auf dem Weg zur Totalphütte - oder bereits wieder im Abstieg. Um kurz nach 14 Uhr erreichen wir die Hütte und genießen auf der gut gefüllten Terrasse ein frisches Getränk sowie eine heiße Suppe.


Im Vordergrund die Lünerseealpe, roter Kreis links: Totalphütte, roter Kreis rechts: Douglas Hütte, roter Strich: Schesaplana 2.965m

Es ist der schönste Tag der Woche bei strahlendem Sonnenschein. Da geht noch was, oder? Zum Schesaplana Gipfel sind zwei Stunden Gehzeit für 600 Höhenmeter angegeben. Ohne Gepäck, nur mit einem Fleecepulli und den Bergstöcken ausgestattet, nehme ich mir vor, den Gipfel in einer Stunde zu erreichen und starte kurz nach 15 Uhr. Am Gipfel habe ich mein Ziel knapp verfehlt: 62 Minuten. Der Schesaplana Gipfel bietet ein geniales 360 Grad Panorama und ich kann mich nicht satt sehen an diesem Gipfelmeer. Nach 30 Minuten kostenlosem Bergkino steige ich wieder ab. Das Bier zischt und die anschließende Dusche entfernt Schweiß und Salz von der Haut - welch eine Wohltat.

Auch auf dieser Hütte haben wir Glück mit dem Lager. Das 14er Matratzenlager wird für eine größere Gruppe benötigt, so dass wir in einem 8er Bettenlager unterkommen.


Totalphütte, über der Hütte der Seekopf 2.698 m


Totalphütte im Morgenlicht, hinten links die Schesaplana (Gipfel von hier nicht sichtbar)

Die Hüttentour neigt sich leider dem Ende zu. Es steht nur noch der Abstieg ins Tal an. Kurz vor 8 Uhr verlassen wir die Totalphütte und steigen zum Lünersee ab. Kurz vor der Bergstation bzw. der Douglas Hütte zweigt der Böser-Tritt-Steig zur Talstation der Bergbahn ab. Der Name des Steigs klingt schlimmer als er ist. Es liegt viel Schotter auf dem Weg und zwischendrin ist ein längeres Stück mit Drahtseil gesichert, aber in gut 35 Minuten sind wir an der Talstation angekommen. Der Weiterweg nach Brand führt teilweise direkt an der Straße entlang. Kurz vor Brand zweigt der Weg nach Westen Richtung Brand/Innertal ab und quert am Kesselfall eine beeindruckend tiefe Schlucht. Die letzten Meter zum Parkplatz führen nochmals an der Straße entlang.

Wie hoffen auf einen Biergarten, können aber nichts finden. Also Bergschuhe aus, Rucksack ins Auto und erst einmal ein paar Kilometer fahren. Auf der Hotelterrasse im Hotel Taleu in Bürserberg sind wir die einzigen Gäste. Bei einem kühlen Getränk hängen wir unseren Gedanken nach. Schade, dass es schon vorbei ist. Die Rätikon Runde ist auf jeden Fall empfehlenswert und abhängig von Lust, Kondition und verfügbarer Zeit lässt sich die Tour verlängern oder auch verkürzen.